Die heutige ökologische Krise hat eine neue Qualität gewonnen. Waldbrände gigantischen Ausmaßes und die COVID-19 Pandemie, welche Folge des kapitalistischen Raubbaus an der Natur ist, sprechen eine deutliche Sprache. Längst ist die Krise global und es drohen irreversible, also unumkehrbare Kipppunkte des Klimasystems, die unkontrollierbare Dominoeffekte auslösen werden.

Es ist das Verdienst von Fridays for Future, die Dramatik der Klimakrise in den allgemeinen Diskurs getragen zu haben. Dabei hat die junge Ökologiebewegung bisher darauf gesetzt an die Vernunft der Politik zu appellieren und auf die wissenschaftlichen Fakten der Krise zu verweisen. Da »die Politik« allerdings keinerlei Anstalten macht etwas zu ändern, ist es an der Zeit die Frage nach dem »Warum« aufzuwerfen. In der allgemeinsten Form: Warum wird die Natur überhaupt zerstört?

Menschliches Leben kann nur durch den Stoffwechsel mit der Natur bestehen. Dieser Stoffwechsel aber hat in der Geschichte der Menschheit sehr unterschiedliche Formen angenommen. Heute wird nichts mehr produziert, wenn dahinter nicht die Aussicht auf einen Profit steht. Dass die Produktion nicht von den Lebensbedürfnissen sondern von Profitinteressen geleitet wird, ist bezeichnend für unsere Gesellschaft, den Kapitalismus. Dabei ist der Trieb des Kapitals nach Gewinn prinzipiell maßlos und die Naturkräfte werden als kostenlose oder verbilligende Faktoren missbraucht. Kapital strebt systembedingt nach Marktanteilen und höchstmöglichem Gewinn. Es ist es dem Zwang zu wachsen unterworfen, um seinen Verfolgern voraus zu sein oder zumindest Schritt zu halten. Das Kapital muss deshalb wo immer möglich Natur als »Gratisproduktivkraft« ausbeuten.

Auch wenn alle wissen, dass die Menschheit schnellstmöglich aufhören muss Kohle, Öl und Gas zu verbrennen, so kann dies unter kapitalistischen Vorzeichen nicht einfach passieren. Denn für das Kapital ist nur rational, was immer mehr Profit abwirft. Die Natur ist nur Ressource und Deponie auf deren Begrenztheit man keinerlei Rücksicht nehmen kann. Dabei sind die technischen Lösungen um fossile Brennstoffe zu ersetzten mit den erneuerbaren Energien längst vorhanden. Nur ist dieses Wirtschaftssystem nicht fähig, in der Kürze der Zeit ausreichend von ihnen herzustellen, weil dabei nicht genügend Profit winkt. Es gibt also kein Technikproblem, sondern ein Kapitalproblem! Auch der Staat konnte hier keine Abhilfe schaffen, denn er will und darf dem nationalen Kapital auf dem Weltmarkt keine Wettbewerbsnachteile zumuten. Investitionen, auch die in Kohle, müssen geschützt werden, um das über allem stehende Prinzip des kapitalistischen Eigentums an den Arbeitsmitteln zu wahren. Und so sind in den letzten Jahrzehnten alle technischen, marktgesteuerten oder administrativen Methoden zur notwendigen Treibhausgasreduzierung gescheitert.

»System Change, not Climate Change« !? Der gnadenlose Mechanismus der Profitmacherei ist Ausdruck aller gesellschaftlichen Zusammenhänge, des »Systems«, welches es zu verändern gilt! Diese Verhältnisse sind weder etwas »natürliches«, noch dem »Wesen« des Menschen entsprechend. Es sind schlichtweg gesellschaftliche Strukturen und Verhältnisse, die unter bestimmten historischen Bedingungen durch menschliches Handeln entstanden sind. Im Alltag erscheinen uns diese Verhältnisse zwar »natürlich«, sie können aber genauso auch von Menschen beseitigt werden.

Der Privatbesitz an Arbeitsmitteln ist die Ursache dafür, dass heute alle Produkte für den Markt, also als Waren, produziert werden. Der kapitalistischen Warenproduktion geht es nicht in erster Linie um die Produktion nützlicher Gegenstände, sondern um Marktanteile und Gewinne. Doch spätestens wenn es um die wirklich wichtigen Dinge geht – Gesundheit, Pflege, Bildung – traut die Mehrheit der Menschen dies den Marktgesetzen nicht zu. Erst recht, bei gefährlichen Angelegenheiten, wie etwa der Atomkraft. Aber warum lassen wir dann überhaupt noch irgendetwas von Marktkräften regeln? Warum nicht ohne Kapital allen ein gutes Leben ermöglichen? Eine Wohnung, gutes Essen, ausreichend Kleidung und Kultur? Heute regeln Geld, Märkte und Profitinteressen unseren Alltag. Regeln wir ihn doch besser selber! Wir müssten demokratisch planen, wie viele und welche Gebrauchsgüter unsere Gesellschaft benötigt und wie viel Arbeitszeit dies die Gesellschaft kostet. Diese Arbeitszeit müsste dann unter allen Gesellschaftsmitgliedern verteilt werden. Welche natürlichen Ressourcen werden für die Produktion benötigt und wie sieht es mit den jeweiligen Vorräten oder der Regeneration aus? Es müsste für die Bedürfnisse der Gesellschaft und auf Rechnung der Gesellschaft produziert werden. Unter diesen Voraussetzungen könnte geplant werden, wie wir schnellstmöglich von Kohle, Öl und Gas wegkommen. Ebenso könnte man planen, wie begehrte Rohstoffe abgebaut und für welche notwendigen Produkte sie tatsächlich verwendet werden müssen. Recyclingprozesse könnten perfektioniert werden, weil endlich die Grundlage dafür geschaffen wäre, dass der Mensch die Naturgesetze zur Pflege einer schönen Umwelt nutzt. Ein nachhaltiges Bewusstsein, aus dem wirklich nachhaltiges Handeln entspringt.

Dafür müsste man allerdings das Privateigentum an Arbeitsmitteln beseitigen. Die Produktion wäre dann nicht mehr vom Austausch im Sinne von Kauf und Verkauf geregelt, sondern von bewussten demokratischen Entscheidungen der Produzent:innen. Wachstumszwang und Profitmaximierung wären überwunden. Der Clou bestünde in einer gesamtgesellschaftlichen Arbeitszeitrechnung, deren grundlegende Rechnungsgröße die gesellschaftlich notwendige Durchschnittsarbeit(-szeit) wäre.

Aber die Profitinteressen der Mächtigen verhindern diesen dringend benötigten sozialökologischen Fortschritt. Die Suche nach Konsens und Kompromiss ist deshalb vergebens. Ein anderes Arbeiten, Bauen und Wohnen, andere Formen von Mobilität müssten stattdessen die entscheidenden Fragen der politischen Auseinandersetzung werden – und zwar gegen die kapitalistischen Profitinteressen. Auch die sozialen Verwerfungen des Kapitalismus sind nicht mehr zu ertragen und können nicht von der ökologischen Frage getrennt werden. Statt des Schulterschlusses mit den Regierenden sollte die junge Umweltbewegung deshalb das Bündnis mit den Lohnabhängigen suchen – Öko als Klassenkampf!

Bisher wird die ökologische Frage als etwas ganz anderes wahrgenommen. Nicht als Idee, wie die Mehrheit der Menschen ihren Lebensstandard zum Besseren verändern kann, sondern als Lifestyle einer gut betuchten und ernährungsbewussten Elite. Damit muss Schluss sein! Statt verzweifelt zu schauen, wie man individuell als Konsument gegen die Klimakrise vorgehen kann, muss man gemeinsame Kämpfen organisieren. Es gilt mit der Überwindung der Gewinnwirtschaft zu beginnen. Das schließt keinesfalls Sofortmaßnahmen aus, die jetzt in dieser Gesellschaft – am Besten heute – einzuleiten sind. Die Überwindung der zwanghaften Wachstumsgesellschaft und Sofortmaßnahmen bedingen sich wechselseitig. Diese Sofortmaßnahmen müssen für eine sozialökologische Wende stehen und dabei das kapitalistische Eigentum ins Visier nehmen, das bisher eine solche Wende verhindert. In diesem Sinne gilt es etwa für Folgendes zu mobilisieren:

• Ein Kohleausstieg bis spätestens 2025 mit Entschädigungen nur für die (ehemaligen) Arbeiter:innen • Ein massiver Ausbau der regenerativen Energien. • Die Pflicht zur energetischen Sanierung des Wohnraums bei Verbot von Mietsteigerungen. • Das Umschichten der landwirtschaftlichen Subventionen zugunsten von Ökolandbau mit hohen Umweltauflagen. • Die entschädigungslose Überführung aller Wälder in Schutzgebiete. • Einen kostenlosen ÖPNV und eine massive Reaktivierung von stillgelegten Bahnstrecken. • Einen Güterverkehr auf der Schiene. • Die Streichung aller Steuervorteile für den individuellen, motorisierten Verkehr, wie etwa dem Dienstwagenprivileg. • Strikte Tempolimits. • Personalisierte Kontingente fürs Fernfliegen. • Den Klimaschutz in die (Betriebs)Versammlungen zu bringen.
Und da freie Zeit der eigentliche Reichtum ist, muss nicht zuletzt die Einführung der 30h-Woche bei vollem Lohnausgleich und ein Mindestlohn von 16 Euro gefordert werden.

Die Klimakrise kennt keine Grenzen und auch der Kampf um eine sozialökologische Emanzipation ist letztendlich eine globale Angelegenheit. Doch Deutschland spielt auf dem Weltmarkt eine bedeutende Rolle. Es ist die stärkste Wirtschaftskraft innerhalb der EU und Deutschland ist Weltmeister im Verbrennen von Braunkohle und exportorientiertes »Autoland«. Es ist also lohnenswert, dem Kapital in Deutschland den Fehdehandschuh hinzuwerfen, auch wenn die weitere Perspektive unbedingt europäisch und letztlich global sein muss. Statt mit Politiker:innen, die die Logik dieser Gesellschaftsordnung repräsentieren, oder einzelnen Kapitalfraktionen einen Konsens zu suchen, kommt es darauf an, diese Gesellschaftsordnung selbst radikal in Frage zu stellen. Der dringend notwendige sozialökologische Fortschritt ist Sache eines sozialökologischen Klassenkampfes und letztendlich der freien Assoziation der Produzent:innen.

Kapital kann kein Klima
Für den allgemeinen Klimastreik!



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